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Engelbesuch
Samstagabend, kurz vor Ostern. Alles ist vorbereitet. Der Gottesdienst steht, das anschließende Oster-Frühstück auch. Ich freue mich jetzt auf einen ruhigen Abend. Da klingelt kurz nach acht unser Telefon.
Ein junger Mann meldet sich mit seinem Namen. „Wir sind gerade in der Regionalbahn von Leipzig nach Wittenberg. In einer halben Stunde sind wir da. Können wir bei Ihnen übernachten?“
Übernachten? Bei uns? Wir wohnen zwar im Gemeindehaus und sind auf unserer Website als Kontakt für Vermietungen benannt. Eigentlich sind da aber die Gemeinderäume gemeint - und keine Betten.
„Wer sind denn „wir“?“
„Wir sind zu dritt, zwei Jungs, ein Mädchen. Mit Fahrrädern. Ein Stück Wiese reicht – wir haben ein Zelt.“
Blitzschnell geht’s mir durch den Kopf: Halb neun ist Gottesdienst, davor noch letzte Vorbereitungen.
„Also, nur zur Info“, sage ich, „morgen früh wird’s laut. Ab um sieben. Ostergottesdienst.“ „Super! Da wollten wir doch sowieso hin.“
Na gut. Ich kläre das kurz mit unserem Pastor. Und dann fällt uns auch noch die kleine möblierte Wohnung im Gemeindehaus ein, die seit kurzem leer steht. Mit zwei Sofas und nem Bett. Die ist bei diesen Nachttemperaturen doch deutlich angenehmer als ein Zelt.
Eine halbe Stunde später klingeln die drei an unserer Tür. Freundlich und dankbar, unkompliziert. Die Fahrräder kommen in den Schuppen. Eine kurze Führung durchs Haus. Ihre Begeisterung ist ehrlich: „Sogar eine Dusche!“ „Gute Nacht, Ihr drei!“, sagen wir und machen‘s uns auf unserem Sofa gemütlich. Müde bin ich jetzt nicht mehr. Manchmal kommt das Leben wirklich überraschend.
Am Ostermorgen sitzen die drei frisch geduscht und erstaunlich wach im Gottesdienst. Sie bringen sogar einen Naumburger Osterstollen mit und stellen ihn selbstverständlich aufs Buffet. Als wäre das das Normalste der Welt.
Einer der drei erzählt mir, dass er sonst auch zur Kirche geht. Die anderen machen das eher weniger. Aber gerade die versichern, dass sie heute eine Menge verstanden haben.
Bevor sie weiterziehen, saugen sie noch die Wohnung durch. Einfach so. Wir grüßen ihre Eltern augenzwinkernd. Denn die haben bei ihren umsichtigen Kindern wohl einiges richtig gemacht. Und dann verabschieden wir uns. Die drei radeln weiter auf dem Elberadweg, als wäre nichts gewesen.
In der Bibel steht: „Seid gastfrei, ohne zu murren – denn manche haben, ohne es zu wissen, Engel beherbergt.“
Ich bin mir sicher: In dieser Osternacht waren bei uns welche zu Besuch. ✨
Silke Stattaus




